„Zu heiß gewaschenes großes Fernsehen“
Die Kritik ist berechtigt: Programme kommerzieller Sender einfach aufs Handy übertragen – das ist langweilig und bringt keinen Sehspaß. „So geht’s nicht“, sagt Orhan Kipcak, der selbst mit Studenten an der FH Joanneum ein Konzept für mobiles Fernsehen entwickelte. Er sprach mit blank:
Was ist die Herausforderung daran, mobiles Fernsehen zu machen?
Ich glaube, es geht darum, dass man sich traut, radikale Fragen zu stellen. Und auch um die Angst, in die Wertschöpfungsfalle zu tappen. Wir sprechen von einem Medium, das erst jetzt auftaucht und im Moment noch keinen interessiert. Die Leute wissen noch nicht genau, was Handy-TV kann. Momentan ist das, was ich kenne, eher eine Verkleinerung des großen Fernsehens. Also zu heiß gewaschenes großes Fernsehen auf kleinen Bildschirmen mit ein paar Zusatzregeln, wie beispielsweise keine zu dynamischen Bewegungen einzubauen, damit das Bild intakt bleibt. Aber ich habe noch nichts gesehen, was so richtig funktioniert.
Auch wenn dieser Ansatz noch in den Kinderschuhen steckt, was gibt es da bisher?
Es gibt in Amerika zum Beispiel sogenannte „Mobisodes“ von FOX, also eine Kombination aus den Worten Mobile und Episode. Sie beschränken die Dauer einer Folge auf eine Minute, was einen dazu zwingt, die Handlung sehr verdichtet und kompakt zu erzählen. Das sind Genrefilme, man sieht direkt das Handlungsskelett vor sich, ohne viel Psychologie drumherum.

Und in Österreich?
In Österreich hat es als Feldversuch eine Art Sitcom gegeben, die hieß Anna und Du. Das war eine Kooperation von Universal, der Telekom und dem ORF. Es ging um eine Nachwuchsband und ihre Abenteuer. Eine Episode dauerte etwa 8 Minuten, das finde ich eigentlich recht lang für Handy-TV. Die Band war sehr nett, aber insgesamt zu unverbindlich.
Wie lassen sich überhaupt Produktionen für Handy-TV finanzieren?
Keine Ahnung (lacht, lange Pause). Manche sind optimistisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das kurzfristig funktioniert. Ich spreche hier von eigenen Produktionen, Spin-offs, also Ableger von bestehenden Formaten, funktionieren schon. Außerdem weiß ich nicht, wie man das verkaufen soll.
Gerade vom Sport erhofft man sich Zugewinne im Bereich Handy TV. Ist es aber nicht gerade dort schwierig, die Inhalte auf das Handy zu bringen? Ein Fußball etwa ist am Handy kleiner als ein Stecknadelkopf.
Erstens werden die Displays ohnehin immer größer und die Auflösung wird auch immer besser. Man kann durchaus einen eigenen Umschnitt machen, was allerdings wieder mit Kosten verbunden wäre. Aber die Leute haben auch jahrzehntelang Fußballspiele im Radio gehört, komplett ohne Bild. Das ist eine Frage der Gewohnheit, es kommt drauf an, wie gut der User mit dem Medium umgehen kann.
Man könnte ja auch das Medium an den Content anpassen…
Es gibt seit Jahren Überlegungen in diese Richtung. Da gab es schon vor zehn Jahren Versuche mit Mikrobeamern und Bewegungserfassung, aber das hat sich nicht durchgesetzt. Ich glaube, die Lösung liegt eher in einem haptischen, sehr intuitiven Interaktionsdesign. Es geht also eher darum, diese Mensch-Maschine-Schnittstelle zu entschärfen. Ein gutes Beispiel ist die Erfolgsgeschichte des iPod. Er ist technisch keineswegs das Höchste, aber sehr wohl in der Handhabung, in der Gestaltung der Oberfläche.
Jedes Handy ist eine Kamera, jeder User ein potentieller Regisseur. Welche Folgen wird das haben?
Die Folgen sind schon da. Kategorien wie Professionalismus werden langsam mürbe, lösen sich auf. Auf der Seite der Produktion findet eine zunehmende Demokratisierung statt. Andererseits kommt es auch zu einem gewissen Dilettantismus. Wir sehen das beim Musikgeschäft, wo Leute hochwertigen Inhalt produzieren, der in die klassischen Medienkanäle durchaus hineinpasst, aber die Leute können davon nicht mehr leben. Es gibt eine deutliche Tendenz zur Entprofessionalisierung, gerade in den Medien. Allerdings sehe ich das nicht so problematisch. Natürlich ist es bitter für die Betroffenen…



