Where do you go, my lovely?
Miriam kommt nach einer langen Samstagnacht nach Hause. Das ausgedehnte Essen mit Freunden hat gedauert und wahrscheinlich ist es schon fast fünf Uhr Früh. Bevor sich Miriam ins Bett legt, will sie noch kurz einen Blick auf die Uhr werfen – also schnell ab ins Bad und dann das Handy suchen, denn immerhin sind analoge Wanduhren im digitalen Zeitalter Mangelware. Doch trotz frühmorgendlichen Suchmarathons in der Wohnung keine Spur vom Handy. Weder in der Hosentasche, noch in der Jacke oder in der eiligst zusammengepackten Handtasche. „Na egal“, denkt sich die 27-Jährige, „wird schon wieder auftauchen, spätestens morgen“.
Aber auch nach dem Aufstehen ist Miriams Wohnung noch immer handyfreie Zone. Langsam macht sich ein unangenehmes Gefühl breit; was tun, wenn das Gerät nicht mehr auftaucht? Es ist zwar nur das private Wertkarten-Telefon, aber allein die Telefonnummern auf der SIM-Karte sind beinahe unbezahlbar. Miriam läuft im Kreis, rauft sich die langen, braunen Haare – wie soll man das verfluchte Gerät wieder finden? Sie ringt um ihre Fassung, ist der Verzweiflung nahe.
Jambas Partner Tracker
Plötzlich zeigt sich auf Miriams Gesicht neue Hoffnung. „Hat Oliver nicht dieses Programm von Jamba heruntergeladen?“, stößt sie hervor, „diesen Handy-Lokalisator?“. Tatsächlich wirbt der deutsche Handyzubehör-Anbieter nicht mehr nur für aufreibende Klingeltöne, sondern auch für eine Handy-Software namens „Partner Tracker“. Wer sich schon immer gefragt hat, wo sich sein Partner so herumtreibt, wenn er wieder mal Überstunden macht, dem verspricht diese Applikation Hilfe – durch Handy-Ortung. Der Schädel brummt, trotzdem schaltet Miriam schnell: „Das muss sich doch auch anders anwenden lassen. Vielleicht finde ich so mein Handy wieder!“
Also ins Auto gesetzt, zur Wohnung des kleinen Bruders gebraust, dessen Handy geschnappt und das Programm gestartet. Aber schon bald weicht die Hoffnung bitterer Ernüchterung: Alles, was der Rufnummereingabe folgt, ist eine höchst alberne Animation, die Miriams Mobiltelefon irgendwo in Hessen verortet. Die Enttäuschung ist groß. Und ein Blick auf die Website des Anbieters schafft letzte Klarheit. Dort steht zu lesen: „PS: Die Software benötigt kein Internet und benutzt keine GPS Technologie. Diese Software dient lediglich zu Unterhaltungszwecken. Es findet keine echte Aufenthaltsortsbestimmung statt“.
Ortung mit trackyourkid.de
Thomas, Olivers Mitbewohner, entgeht das Leiden der beiden blauäugigen Jamba-User nicht. „Das kann doch nie funktionieren“, meint er sichtlich amüsiert. Rein technisch betrachtet ist es nämlich einfach unmöglich, ein Handy allein durch die Eingabe der Rufnummer zu lokalisieren, geschweige denn auf den Meter genau. Da gibt es andere Mittel und Wege, zum Beispiel im Internet.
Teilweise auch mit einem sehr ernsten Hintergrund, wie beispielsweise bei trackyourkid.de. Dieser Provider bietet ein Service an, mit dem es tatsächlich möglich ist, Handys zu lokalisieren. Dadurch sollen sich verlorene Mobiltelefone, alte oder kranke Angehörige und verlaufene oder gar entführte Kinder auffinden lassen. Jedoch müssen die zu ortenden Geräte erst registriert und eingerichtet werden, damit die Lokalisation funktioniert. Danach ist es möglich, via GSM-Ortung den Standpunkt der gesuchten Person bis auf einige Meter genau festzustellen. Kostenlos ist dieser Dienst natürlich nicht; je nach Tarifpaket kostet eine Lokalisierung zwischen 35 Cent und einem Euro, wobei man auch noch eine Einrichtungsgebühr von mindestens 19,90 Euro zu zahlen hat.
Doch die erste Euphorie verfliegt abermals schnell: Erstens funktioniert dieser Tracker nur auf bundesdeutschem Staatsgebiet – und zweitens ist Miriams Handy ja gar nicht registriert. Das bedeutet: Es ist und bleibt verloren. Trotzdem wird den dreien klar, welche Möglichkeiten sich durch diese Dienstleistung auftun. „Das hört sich ja schwer nach James Bond an“, sagt Oliver mit leuchtenden Augen, „das ist das perfekte Kontrollorgan für potenzielle Fremdgeher“. Und tatsächlich, das Angebot muss jedem Datenschützer wohl die Zornesröte ins Gesicht treiben. Man muss das Handy bei trackyourkid.de zwar registrieren. Trotzdem ist es prinzipiell möglich, das manipulierte Telefon der Freundin unterzujubeln.
Kein Kavaliersdelikt
Ein wenig kriminelle Energie vorausgesetzt, lässt sich der Partner ohne großen Aufwand observieren. Die meisten Anbieter von ähnlichen Diensten verlangen nur eine Registration im Internet und überprüfen per SMS die Richtigkeit der Nummer. Bei trackyourkid.de wird zwar die Wohnadresse gefordert, eine Bestätigung derselben muss aber nur auf Drängen des Dienstbetreibers erfolgen. Und das bleibt in der Regel auch aus. Andere Dienste sind ähnlich locker: Der Anbieter Mister-Vista verlangt nicht einmal die Adresse geschweige denn den richtigen Namen, für die Anmeldung bei piCOS benötigt man gerade einmal einen funktionierenden E-Mail-Account. „Das kann doch nicht legal sein“, entrüstet sich Miriam. Und tatsächlich ist das Ausspionieren des angebeteten Partners per Mobiltelefon kein Kavaliersdelikt. In Deutschland erwartet den Hobby-Spion in besonders schlimmen Fällen eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren.
Lauschangriff per Babyphon
Aber es geht auch subtiler, wie Beispiele aus dem Geschäftsleben beweisen. Dort liegt Spionage per Handy oder anderen kabellosen Geräten voll im Trend. Das bekam Porsche-Chef Wendelin Wiedeking im November des Vorjahres zu spüren: Er wurde in einem Wolfsburger Hotelzimmer mittels Babyphon belauscht. Das hinter dem Sofa versteckte Gerät war während des gesamten Aufenthalts des Multimillionärs auf Sendung. Wer die Lauscher waren, ist nicht bekannt.
Mobil-Wanze
Aber auch per Handy ist Betriebsspionage recht einfach möglich. Zu diesem Zweck ist nur eine spezielle Software nötig, die für 150 Euro im Internet erhältlich ist. Wird die Software installiert, kann der Spion sowohl den SMS-Verkehr mitverfolgen, als auch das Mikrofon des Handys unbemerkt aktivieren. So können Gespräche belauscht werden, wenn das Gerät bei einer Sitzung neben seinem Besitzer liegt. Nur: Miriam bringt dieses Wissen wenig. Das Handy bleibt verschwunden.
Happy dank Hirn
Also nichts mit Jamba, trackyourkid und Mister-Vista. Aber: „Hast du eigentlich schon mal versucht, dein Handy anzurufen?“, fragt Oliver. „Nein“, muss Miriam zugeben, „daran hab ich noch gar nicht gedacht“. Nach zweimaligem Klingeln hebt David ab, Miriams Exfreund, der gestern auch beim Essen dabei war. Wie das Handy wohl in seine Hände geraten ist? Und vor allem warum? ... Well, where do you go, my lovely?


