Schafft der Mensch sich selbst ab?

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Wie stehen Sie zu Kevin Warwicks Versuchen, den Menschen mit technischen Elementen, mit Computern, zu verbinden?

Solche Gedanken sind nicht neu. Die industriellen Revolutionen von der Lokomotive bis zum heutigen Computer haben ja auch eine größere Verschränkung des Menschen mit den von Menschen hervorgebrachten Maschinen gebracht. Das heißt, nur das Niveau ist neu, nicht aber die Tendenz. Man muss aber trennen zwischen dem, was eine Vergrößerung des menschlichen Aktionsradius mit sich bringt und dem, was in die Ethik des Menschen eingreift.

Was meinen Sie, will Professor Warwick die Effektivität oder die Menschlichkeit verändern?

Ich glaube, er meint die Effektivität. Wobei das eine Erhöhung der Menschlichkeit nicht ausschließen muss. Wenn man an die ganzen medizinisch-technischen Fortschritte denkt, etwa in der Krebsforschung, dann steigert das wohl auch die Humanität in der Gesellschaft.

Was ist die negative Seite dieser Entwicklung?

Denken Sie nur an den Missbrauch des Internetsystems. Der Basiswert in der ethischen Debatte ist, alles zu tun, um keinen Schaden für andere Menschen zu erzeugen. Und wenn es keine substanzielle Beziehung zwischen der Verantwortungsfähigkeit des Menschen und der Wissens- und Technikverfügbarkeit gibt, dann beginnt die Selbstgefährdung des Menschen. Das wäre so, als würde jemand sagen: “Ich bin der Produzent von xyz, aber was das ethisch bedeutet für die Gesellschaft, das ist nicht meine Angelegenheit.“

Nun spricht Kevin Warwick aber von einem direkten Eingriff in den menschlichen Körper. Er fürchtet wohl, dass in Zukunft Maschinen für uns entscheiden werden und will deshalb die Maschine in seinen Körper integrieren.

De facto entscheiden Maschinen ja jetzt schon in indirekter Form mit uns. Ein Alltagsbeispiel: Sie wollen in den Urlaub fahren und erkundigen sich online über das Wetter auf Ibiza. Sie erfahren, es regnet, also bleiben Sie zu Hause. Diese Wetterinformation ist ein Ergebnis von Maschinenleistung, und zwar in der Datenverarbeitung. Viele zentrale Funktionen des Menschen, wie etwa Bewegung oder Gedächtnis, sind heute schon zum Teil in die Maschine gewandert. Wenn diese Eigenschaften beim Computer ein höheres Niveau bekommen als beim Menschen, dann passiert Folgendes: die Maschine wandert in den Menschen zurück. Zum Beispiel: Implantate in das Gehirn. Da steht dann die Technik dem Menschen nicht mehr gegenüber, sondern ist Bestandteil seiner Existenz.

Aber wo ist da eine Grenze zu ziehen?

Alle Ethikkommissionen der Welt plagen sich mit dieser Frage. Ohne in den Körper einzugreifen, geht es heute nicht mehr. Nehmen Sie an, Sie verlieren Ihre Zähne oder es wächst ein Tumor in Ihrem Gehirn. Soll man da eingreifen oder nicht? Mit dem Wachstum des wissenschaftlich-technischen Vermögens des Menschen nimmt die Komplexität dieser Entscheidungen gewaltig zu. Aber auch die ethischen Standards ändern sich.

Heißen Sie dieses Eingreifen in den menschlichen Körper gut?

Wir dürfen den Menschen dort nicht antasten, wo die Kontinuität seiner personalen Identität verletzt wird. Das ist ein ethischer Grundsatz. Und bei Eingriffen in das Gehirn wird es schwierig. Die personale Identität, die Wahrung des ICHs sozusagen, das ist der wahre ethische Imperativ des Menschen.

Es ist also doch eine deutliche Gefahr zu erkennen?

Nicht die Maschinen an sich sind die Gefahr, sondern, dass die Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen Mensch und Maschine nicht wahrgenommen werden. Die Maschine kann nicht der Feind des Menschen sein, die Ursache liegt in den unterschiedlichen Umgangsweisen mit der Technologie und die steuert der Mensch. Aber wenn wir eines Tages die Komplexität des menschlichen Gehirnes nachvollziehen und eine Maschine danach bauen könnten, die selber Entscheidungen treffen kann, dann würde sich das Verantwortungsproblem kategorial verlagern.

Nämlich wohin?

Dann würde sich der Begriff der Verantwortung kategorial neu auf die neuen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine beziehen, weil wir ohne Maschinen nicht mehr existieren könnten. Und dann wird es ethisch schwieriger als je zuvor in der Menschheitsevolution.

Glauben Sie, dass wir es in naher Zukunft mit menschenähnlichen Maschinen zu tun haben werden?

Die Kapazität dazu wird steigen. Und wenn es einmal eine ausreichende evolutionäre Mathematik verbunden mit evolutionärer Kybernetik gibt, ist es rein theoretisch nicht ausgeschlossen, eine menschenähnliche Maschine zu bauen. Aber: Der Kern menschlichen Bewusstseins ist, dass sich der Mensch seiner Existenz selbst bewusst ist. Das wird für Maschinen heute ausgeschlossen und die Chance, technisch etwas in diese Richtung zu erzeugen, ist derzeit gleich Null. Aber was ist schon wirklich auszuschließen?

Info:

Johann Götschl ist Philosoph und Wissenschaftstheoretiker und lehrt an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Er ist Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Wissenschaftsforschung und forscht unter anderem zum Thema Wissenschaft und Ethik.

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