Der Ton macht die Musik
„Wia san grod am Jakominiplatz.“ „Bin in zwa Minuten do.“ „Mah, woa i am Samstag fett.“ Oft gehört, nun verboten – zumindest nach den Plänen der Grazer Stadtregierung.
Mit einer Schnellschussaktion Mitte April will sie das Mobiltelefonieren in den Straßenbahnen und Bussen der Grazer Verkehrsbetriebe (GVB) unterbinden. Begründung: Es sei anderen Fahrgästen nicht zumutbar, ständig die Gespräche von wildfremden Menschen mithören zu müssen.
Halb Österreich schmunzelte daraufhin via Ö3-Wecker über die steirische Landeshauptstadt, die medienwirksam der rücksichtslosen Kommunikation im öffentlichen Raum den Kampf erklärte.
Die neue Regelung polarisiert. Viele sind erleichtert, dass endlich Schluss ist mit der Klingelei und dem Gequatsche, andere empören sich. Wer zu welcher Fraktion gehört, darüber entscheidet nicht unbedingt das Alter, sondern welche Rolle das Handy im Alltag spielt, weiß Business-Knigge-Trainerin Lisa Deutschmann.
Geschäftsleute, die das Mobiltelefon aus beruflichen Gründen verwenden, pflegen in der Regel keinen sensiblen Handy-Umgang. Menschen, die das Handy eher selten und vorwiegend privat benutzen, dagegen schon. Sie reagieren empfindlich auf die öffentliche Quasselei.
Handyfreie Zone
Klar ist: Ein rücksichtsvoller Umgang mit dem Handy gehört zum guten Ton – und wird von einer Mehrheit auch gewünscht. Das belegen internationale Studien (Joachim R. Höflich, „Daumenkultur. Das Mobiltelefon in der Gesellschaft“, Transcript Verlag, 29,70 Euro).
Trotzdem wird es wohl noch dauern bis der Handy-Knigge – den es bereits gibt - sich im Alltag durchsetzt. Die meisten Handy-Nutzer kennen diese Regeln fürs mobile Telefonieren gar nicht.
So ist es nicht verwunderlich, dass das Grazer Tram-Gebot wie ein Anachronismus wirkt. Kommunizieren verboten? Kaum vorstellbar in einer Gesellschaft, in der es beinahe zur Bürgerpflicht wird, ständig erreichbar zu sein und wo sich viele ohne Handy nackt fühlen.
Dennoch steht der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl nicht alleine da mit seinem Bestreben, Handy-freie Zonen zu schaffen – oder besser gesagt: zu erhalten. Es gibt eine ganze Reihe von Tabuzonen. Einige werden allerdings gerade wieder aufgeweicht. So hat die EU zum Beispiel den Weg für Gequassel an Bord von Passagierflugzeugen freigemacht. Schon überlegen Fluglinien wie Ryanair oder Emirates ernsthaft, das Handy-Verbot an Bord aufzuheben. Perfide: Die Fluchtchancen der Mitlauscher gehen gegen Null.
Auch an Österreichs Tankstellen ist Telefonieren gestattet, wie die OMV auf blank-Anfrage mitteilte. Dieser Umstand ist deshalb erwähnenswert, weil in Deutschland ein solches Verbot bereits besteht. Hypothetischer Gefahrenpunkt: Ein herausfallender Akku könnte leicht entzündliche Gase zur Explosion bringen.
Straffrei telefonieren?
Doch selbst wenn öffentliches Telefonieren verboten ist - die Missachtung gilt offenbar immer noch als Kavaliersdelikt. Beispiel Handy am Steuer: 2007 telefonierte laut einer Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) jeder neunte Autolenker während der Fahrt – obwohl das Unfallrisiko dadurch fünfmal höher ist, wie KfV-Direktor Othmar Tann gegenüber der Presseagentur APA angab.
Handy-Sünder unter den Autofahrern drohen wenigstens hohe Strafen. In anderen gesellschaftlichen Bereichen ist die Handy-Nutzung zwar verboten, aber bei Verstößen gibt es keine klare gesetzliche Handhabe. Da setzt man mehr auf Rücksichtsnahme des Einzelnen.
Dass das nicht immer funktioniert, bestätigt beispielsweise Claudia Ederer vom Gäste Service Center der Therme Loipersdorf. Zwar gilt im gesamten Badebereich ein Handyverbot, jedoch komme es immer wieder vor, dass sich Gäste nicht daran halten. Was die Angestellten dagegen tun? „An das Verständnis der Telefonierer appellieren“, sagt Ederer. Manchmal ein erfolgloser Versuch.
Auch in Krankenhäusern ist der Umgang mit Mobiltelefonen diffizil. In Intensivstationen und sonstigen Orten, wo das Handy elektronische Geräte stören könnte, sind Mobiltelefone untersagt, in den Stations-Fluren, Aufenthaltsräumen und Krankenzimmern dagegen erlaubt.
Warum gibt es kein grundsätzliches Verbot im Klinikbereich? „Weil sich manche Patienten verloren vorkommen, wenn sie nicht mehr mobil mit ihren Angehörigen telefonieren können“, erklärt Werner Wegscheider, Sprecher des Wiener Krankenanstaltenverbunds. Es ist dem Fingerspitzengefühl der Mitarbeiter überlassen, wann telefonierende Patienten das Ruhebedürfnis anderer stören.
Erklärung durchaus möglich
Wo also liegt die Lösung? Wohl in verbindlichen sozialen Normen, die beiden Seiten gerecht werden. Denen, die nicht zum zwangsweisen Zuhören verurteilt werden wollen. Und jenen, die die Freiheit brauchen, mobil zu kommunizieren.
Noch zeigt der Handy-Knigge keine Wirkung. Aber auch medienwirksam kommunizierte „Gebote“ bringen offenbar nicht viel, wie ein Lokalaugenschein in den Grazer Straßenbahnen wenige Wochen nach der umstrittenen Einführung zeigt: Als Unbeteiligter erfährt man weiterhin, dass man gerade am Hauptplatz ist, die Sonne scheint und sich der unbekannte Sitznachbar heute ebenfalls „überhaupt nicht schert“.
Info:
DOs and DONTs für Handyuser
• Absolute Tabuzonen sind Kirchen und Friedhöfe.
• Nicht gestört werden sollen Kulturveranstaltungen, dazu zählen Theater-, Oper- und Kinovorstellungen sowie Besuche in Museen.
• Unangebracht sind Telefonate im Arzt-Wartezimmer , bei Bewerbungsgesprächen, Seminaren und Vorträgen.
• In Restaurants soll das Handy nur in Absprache mit dem Essenspartner eingeschaltet bleiben. Bei Anrufen wird nicht am Tisch telefoniert. Man entschuldigt sich und geht am besten vor die Tür.
• Das Handy soll während eines Gesprächs nicht am Tisch liegen. Ansonsten wird signalisiert, dass ein eingehendes Telefonat wichtiger ist als der Gesprächspartner.
• Berufliche Telefonate sollten – wenn nicht anders vereinbart– auf den Zeitraum von 8bis 17 Uhr beschränkt bleiben. Absolute Tabuzone – auch im privaten Bereich – ist die Nacht (22 bis 6 Uhr). Ebenso sollten Anrufe im Urlaub für Vorgesetzte und Kollegen Tabu sein.
• Handys, die in Spinden zurückgelassen werden, gehören ausgeschaltet. Klingeltöne und Vibracall können sonst für unangenehmen Lärm sorgen.
• Unbedingt erforderlich: Ausschalten der nervigen Tastentöne und kein Anruf mit unterdrückter Nummer.
• Heikles Thema SMS. Dazu Lisa Deutschmann: „Grundsätzlich hat eine SMS im geschäftlichen Bereich nichts verloren. Wenn man einen Geschäftspartner telefonisch nicht erreicht, kann eine Nachricht auf der Mobilbox hinterlassen werden. Sollte dies nicht möglich sein, kann man in Ausnahmefällen eine SMS schicken.“


Nachtrag
und warum darf ich bitte im arzt-WARTEzimmer nicht telefonieren?! dass ich während der behandlung nicht telefoniere, ganz klar, aber warum nicht im wartezimmer?! diese "bloß-nicht-reden-haltung" in wartezimmern ging mir sowieso schon immer auf den keks. gibt's da irgendwelche agbs, die einem verbieten, in wartezimmern zu reden oder so?!
Grazer Handy-Verbot
jetzt mal ehrlich, interessiert dieses handy-verbot in den grazer öffentlichen überhaupt jemand? ich würde sagen, kaum jemanden. ich fahre jeden morgen mit der bim zur uni und ich muss sagen, seit dem verbot hat sich kaum etwas geändert. es klingelt weiter und es wird auch weiter telefoniert. warum auch nicht - völlig überflüssig so was. und wenn selbst ein gvb-heini in der bim neben mir anfängt zu telefonieren und sich mit seiner frau austauscht, was es denn heute abend zu essen gibt, seh ich auch nicht ein, nicht in der bim zu telefonieren. und mir ist es auch nicht peinlich oder so. mein handy ist eh die ganze zeit lautlos und wenn wir jetzt schon anfangen telefonate zu verbieten, dann möchte ich bitte, dass auch gespräche verboten werden. mich interessiert es auch nicht, wenn oma a der oma b auf der bank vor mir grad erzählt, beim wie vielten arzt sieh jetzt schon war!